Fluchtgeschichten

Öhringer Asylbewerber über ihr schwieriges Leben zwischen Flucht und Zukunftsangst

Ahmad Anef (Name geändert), 24, aus Afghanistan. Yasir Khan (Name geändert), 36, aus Pakistan. Abdul Ayan (Name geändert), 33, aus Syrien. Nichts verband diese drei Männer miteinander, bis sie im Öhringer Flüchtlingsheim aufeinandertrafen. Denn sie haben ein gemeinsames Schicksal hinter sich: Sie mussten aus ihrer Heimat fliehen und sind als Asylbewerber nach Deutschland gekommen.

Monatelang teilten sie miteinander den schwierigen Heimalltag. Doch nun befinden sie sich in einer unterschiedlichen Situation: Während Ayan inzwischen anerkannter Asylbewerber ist, eine eigene Wohnung in Ingelfingen gefunden hat und wieder seinem Bäckerberuf nachgeht, bleibt die Zukunft für Anef und Khan ungewiss: Sie warten immer noch auf das Ergebnis ihres Interviews beim Flüchtlingsamt in Karlsruhe, das entscheidet, ob sie in Deutschland bleiben dürfen oder nicht.

Ein quälendes Gefühl: „Ich habe Angst, dass ich nicht bleiben darf, denn dann wüsste ich nicht, was ich machen soll“, sagt Ahmad Anef, der seit März auf einen Bescheid wartet.

Sein bisheriges Leben gleicht einem Roman, bei dem noch nicht sicher ist, ob es ein Happy End geben wird. Seine Eltern mussten sterben, weil der Vater zum Christentum konvertiert war: Die Taliban töteten sie. Bereits als Achtjähriger floh Anef mit seinem Onkel vor der Diskriminierung als Christ in den Iran. Doch der Onkel vernachlässigte ihn bald. Anef lernte sich selbst durchzuschlagen, arbeitete als Schneider und ergriff eines Tages wieder die Flucht vor einem Leben am Rande der Gesellschaft und in ständiger Gefahr, abgeschoben zu werden. Seine lebensgefährliche Reise führte ihn über viele Länder und Stationen bis nach Deutschland.

Nie hat er eine Schule besucht, trotzdem spricht er heute neben seiner Muttersprache Dari (Persisch), auch Griechisch und Deutsch, beherrscht die arabische, griechische und lateinische Schrift. Die Schule des Lebens hat ihn früh erwachsen werden lassen.

In ruhigem, sachlichen Ton zählt er auf, was sich aus seiner Sicht an der Situation der Asylbewerber in Deutschland verbessern muss: Jeder sollte nach spätestens drei Monaten arbeiten dürfen, statt wie bisher erst nach neun, und die Möglichkeit zu einem Sprachkurs bekommen, um bei Arztbesuchen nicht aufgeschmissen zu sein und offizielle Briefe verstehen zu können.

Wer den umgänglichen jungen Mann erlebt, kann sich kaum vorstellen, welches Leid hinter ihm liegt. Es scheint wie ein Wunder, dass er noch lebt und sogar konkrete Zukunftspläne hat:

Ich möchte eine Ausbildung als Tischler oder im Elektronikbereich machen.“

Yasir Khan hat inzwischen einen Job im Hotel und eine Wohnung gefunden. Den Ort möchte er nicht verraten, um ungestört zu sein. Denn der Heimalltag hat ihm schwer zugesetzt: Er leidet an einer Schuppenflechte, ausgelöst durch schweren seelischen Stress. Auch sind ihm viele Haare ausgefallen und er ist um acht Kilogramm abgemagert. „Als ich in Deutschland angekommen bin, war ich gesund“, sagt der gelernte Pharmazeut. „Ich habe viele schlechte Erfahrungen im Heim gemacht.“ Immer wieder bat er beim Landratsamt um mehr Privatsphäre.

Er erreichte immerhin, dass er nach einem Jahr aus dem Künzelsauer Heim ausziehen durfte, wo er mit sieben anderen Personen auf einem winzigen Zimmer gelebt hatte. Doch auch in Öhringen erging es ihm kaum besser: Der feinfühlige Mann litt unter den beengten Verhältnissen, die oft zu Streit führten, und unter Ausgrenzung wegen seiner nicht zu verbergenden Krankheit.

Wirklich besser wurde seine Situation erst, als er vor drei Monaten seinen Job fand und bald darauf aus dem Heim ausziehen durfte, weil bereits mehr als zwei Jahre seit seiner Ankunft vergangen waren. Seine Arbeit macht ihm Spaß, mit seinen Kollegen versteht er sich gut und er verdient genug, um seine Familie zu unterstützen. Auch sein Deutsch macht Fortschritte.

Jetzt hofft er bleiben zu dürfen. Denn zurück nach Pakistan kann er nicht: Terroristen hatten damals den Bus überfallen, in dem er saß, töteten fast alle Insassen und entführten seinen Bruder. Auch Yasir Khan trachten sie seitdem nach dem Leben. „Sie töten Menschen, als wären es lästige Fliegen“, sagt er bitter.

Vielleicht hat Abdul Ayan von den Dreien das glücklichste Los gezogen: Wegen der schlimmen Situation in Syrien wurde sein Asylstatus nach sechs Monaten anerkannt. Doch auch er hat es nicht leicht: Seine Familie und seine Freunde musste er zurücklassen, die Familienbäckerei und seine eigene Wohnung aufgeben.

Seine Aufenthaltsgenehmigung ist zunächst befristet. Er hofft, dauerhaft bleiben zu dürfen, nicht zuletzt weil ihm sein Chef versprochen hat, dass er eine Bäckerausbildung machen darf.

Um sich noch besser in der neuen Heimat zurechtzufinden, nutzt Ayan fast jede Minute, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern – fünfmal die Woche im Integrationskurs, aber auch zu Hause im Selbststudium.

Denn er weiß, dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist: „Die Sprache ist schwer, aber ich muss Deutsch reden, wenn ich mit den Leuten zusammenleben will.“

Frank Lutz